14. Mai 2020

Wie die Aroser zur Welt kamen

Bis 1974 beschäftigte die Gemeinde Hebammen. Ihre Arbeit war nichts für zarte Gemüter, wie ihre Aufzeichnungen zeigen: Geburten ohne Licht, stundenlange Fussmärsche in Regen und Kälte, emotionale Dramen.
Wie die Aroser zur Welt kamen

Bis 1974 beschäftigte die Gemeinde Hebammen. Ihre Arbeit war nichts für zarte Gemüter, wie ihre Aufzeichnungen zeigen: Geburten ohne Licht, stundenlange Fussmärsche in Regen und Kälte, emotionale Dramen. Margrit Jäger arbeitete von 1919 bis 1944 in Arosa. Dank ihren Aufzeichnungen und denen ihrer Nachfolgerin Franziska Lindemann-Tresch (1921– 2012) ergibt sich ein aufschlussreiches Bild, wie Aroser zur Welt kamen, bevor die Churer Spitäler übernahmen. So erinnert sich Margrit Jäger an einige Erlebnisse als Hebamme: Einmal sei sie mit dem Auto abgeholt und nach Sapün gebracht worden. Von dort habe sie drei Stunden im Eiltempo Richtung Weissfluhjoch marschieren müssen, weil die Frau des Hirtes der obersten Alp auf der Alpwiese niedergekommen war. «Ein Transport mitten in der Nacht ins Tal ohne weitere Hilfe als dem Sennen.» Bei fast allen Geburten habe sie zu wenig Licht gehabt, «weil die Höhen kein Elektrisch hatten.» Ihre Nachfolgerin war Franziska Lindemann-Tresch, die mit ihrem Mann und einer kleinen Tochter 1949 nach Arosa umzog. Auch sie erlebte fast 30 Jahre als Gemeindehebamme. Sie war stets mit einem «bleischweren» Koffer und einem Buch unterwegs, in dem sie alle Geburten – auch die Totgeburten – notierte. Als Franziska Lindemann 1974 ihren Dienst beendete, gab es in Arosa nur noch knapp zwei Geburten pro Jahr. Zum Gebären fuhren die werdenden Mütter nach Chur. In den letzten fünf Jahren sind pro Jahr durchschnittlich 16,6 Aroser Kinder zur Welt gekommen. Aber keines davon in Arosa.

© Keystone/SDA
Autor
Céline Zöllig
Zum Profil
Céline Zöllig schloss 2011 das Fachhochschulstudium "Business Communications" ab und zog von Zürich nach Arosa. Dort arbeitete sie für die "Aroser Zeitung" und machte sich gleichzeitig mit der kontrastfabrik GmbH für Innenarchitektur und Kommunikation selbstständig. Heute lebt sie mit Mann und zwei Kindern im Züricher Oberland.
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