11. Mai 2020

Vom Bergbauerndorf zur Feriendestination

Die beeindruckende Metamorphose von Arosa dauerte 150 Jahre. Wie kam es dazu?
Vom Bergbauerndorf zur Feriendestination

Als am 10. Dezember 1914 der erste Zug der Chur-Arosa-Bahn im Bahnhof Arosa einfuhr, war das für das kleine Bergdorf der Beginn einer neuen Epoche. Schon die letzten 40 Jahre waren aufregend: Vom Bauerndorf mit gerade noch 50 Einwohnern hatte sich Arosa seit 1875 zum zweitwichtigsten Schweizer Kurort (nach Davos) für Lungenkranke entwickelt. Davon konnte das Dorf gut leben. In einer Werbebroschüre von 1910 warben nicht weniger als 21 Sanatorien und Kurhäuser mit Inseraten für ihre Dienste. Zusätzlich gab es zahlreiche Pensionen und auch Familien, die mit der Aufnahme von Lungenkranken ein Zubrot verdienten. Noch heute fallen im Dorf viele ältere Häuser mit tiefen Balkonen auf der Südseite auf. All diese Häuser nahmen damals Lungenkranke auf. Die Schwindsüchtigen – so nannte man die Tuberkulose-Patienten – konnten dank dieser Architektur vom Zimmer direkt auf den Balkon geschoben werden, zur Liegekur. Vor 1914 waren drei Viertel der Gäste Lungenkranke, die zur Kur nach Arosa kamen – nicht für Ferien oder zum Sport.

Diese einseitige Ausrichtung auf das tötelige Geschäft mit den Schwindsüchtigen passte ein paar visionären Köpfen im Dorf nicht. Zielstrebig nutzten sie die Chance, die das neue Verkehrsmittel bot und bauten Arosa zur Sport- und Feriendestination um. Zwar hatte es schon vor der Eröffnung der Bahn ein bescheidenes Sport-Angebot gegeben. Auf dem Obersee gab es seit 1891 Schlittschuhlauf. 1903 wurde der Ski-Club gegründet, der ab 1904 Skirennen organisierte. Vereinzelt wurde Curling gespielt. Und auf der Strasse nach Litzirüti gab es Schlittelrennen, was schwierig war, weil auf der gleichen Strasse Transport-Schlitten mit neuen Gästen und Waren unterwegs waren.

Nach der Eröffnung der Bahn wurde das alles anders. Nun dauerte die Anreise ab Chur nicht mehr sechs, sondern nur noch eineinviertel Stunden. Nun lohnte es sich, auch nur für ein paar Tage oder ein Wochenende nach Arosa zu fahren.  Und die Bahn machte es auch möglich, Sportwettbewerbe für ein grosses Publikum in Arosa durchzuführen. Im Sommer wurden in der 1921 neu eingerichteten Badi Untersee Schwimm-Meisterschaften und Nationen-Wettbewerbe durchgeführt. Im Winter gab es neben zahlreichen Ski-Meisterschaften und Eiskunstlauf-Wettbewerben auch Sportarten, die in Arosa längst vergessen sind.

1914 wurde am Schafrügg-Hang die Bärenbad-Schanze gebaut; sie wurde später durch die Plessur-Schanze beim Mühliboden ersetzt. Hier fanden bis in die sechziger Jahre Skispringen statt, die jeweils mehrere Tausend Zuschauer anlockten. Die Strasse nach Litzirüti konnte dank der Bahn im Winter gesperrt werden. Sie wurde mit grossem Aufwand zur Bobbahn ausgebaut. Hier fanden 1920, 1922, 1926 und 1931 Schweizer Meisterschaften statt. Eine Bobfahrt mitzumachen war aber auch bei den Gästen populär; insbesondere englische Gentlemen liebten diese Art von Mutprobe.

Das Skifahren war zunächst noch eine schweisstreibende Angelegenheit: Der Aufstieg zur 1923 vom Skiclub gebauten Hörnlihütte dauerte mehr als drei Stunden. Wer den Aufwand nicht scheute, wurde mit einer Abfahrt über unberührte Schneehänge belohnt.

Ganz wichtig beim Wandel Arosas zur Ferien- und Sport-Station waren drei Kurdirektoren. Felix Moeschlin, eigentlich Journalist und Schriftsteller, war von 1915 bis 1920 im Amt. Seine Frau, die Schwedin Elsa Hammar entwarf wunderbare Illustrationen. Ihm folgte von 1920 bis 1930 Hans Roelli, Dichter, Komponist und Lebenskünstler. Und von 1930 bis 1949 war der Aroser Architekt Fritz Maron Kurvereinspräsident.

Sehr früh nutzte man für die Neupositionierung von Arosa die Möglichkeiten der Werbung. In den zwanziger und dreissiger Jahren entstanden Plakate, die heute noch ikonische Qualität haben. Die besten Grafiker und Künstler jener Zeit warben für das neue Arosa: Eduard Stiefel, Alois Carigiet, Ernst Schlatter, Hugo Laubi, Martin Peikert. Sonne, Schnee und glückliche, schöne Menschen: So lautete die Botschaft. Und auch ein Schuss Erotik gehörte dazu.

Für die neuen Gäste brauchte es neue und vor allem auch andere Hotels. In den Zwanziger Jahren konnten sich von Jahr zu Jahr mehr Leute Ferien leisten. Aber sie wollten nicht in den alten Sanatorien wohnen, wo es nach Desinfektionsmittel roch. Und schon gar nicht wollten sie mit Lungenkranken unter dem gleichen Dach leben. Deshalb erlebte Arosa ab 1927 einen Bau-Boom. Viele Hotels wurden neu gebaut (Post Hotel, Prätschli, Isla, Suvretta, Lamm, Merkur, Hohenfels etc.) oder stark erweitert (Hof Maran, Kulm, etc.). Und die alten Sanatorien wurden zu Sporthotels umgebaut: Altein, Sanatorium Arosa (heute Tschuggen Grand Hotel), Waldhaus (heute Sun Star), Grand Hotel (heute Robinson Club), Waldsanatorium (heute Waldhotel), Valsana, Bellevue, Des Alpes, etc. In der Werbung wurde nach dem Umbau explizit darauf hingewiesen, man sei ein Sport-Hotel und Kranke würden nicht aufgenommen.

Bei den Um- und Neubauten wurde ein sehr grosser Aufwand getrieben. Das Sanatorium Arosa, ursprünglich ein verschnörkelter Laubsägelikasten, war nach dem Umbau zum mondänen und glamourösen Grand Hotel Tschuggen nicht wieder zu erkennen. In der damaligen Werbung steht das Hotel in einer lichtdurchfluteten Ebene, und innen sieht es aus wie in einem Hollywood-Film. Das Kulm Hotel baute in ähnlichem Stil um und verzichtete fortan auf die Bezeichnung Kurhaus. Kulm und Tschuggen waren nach dem Umbau die besten Hotels am Platz. Ein Tag Vollpension im Winter kostete in beiden Häusern 35 Franken.

© Privatarchiv Klaus Herwig

Tatsächlich sind die Übernachtungszahlen nach Kriegsende stark angestiegen. 1920/21 zählte Arosa 8500 Gäste, die 249 000 Nächte im Dorf verbrachten. 1930/31 waren es 29 200 Gäste, die 536 000 Übernachtungen generierten. Die geschickte Neupositionierung des Dorfs und die gute Erreichbarkeit dank der Bahn machten diesen Erfolg möglich.

Anfang Dezember 1938 gingen gleich drei Skilifte in Betrieb: vom Bahnhof zum Tschuggen, vom Tschuggen Richtung Weisshornsattel und von Innerarosa Richtung Carmenna-Pass. Wie schon beim Bau der Bahn 1911 setzten sich beim Bau der Skilifte im letzten Moment die Erneuerer durch. Ein Jahr später, nach Beginn des zweiten Weltkriegs, hätte man den Bau der Lifte wohl nicht mehr gewagt.

Dabei waren es diese drei ersten Skilifts, die den Tourismusort Arosa durch die Kriegsjahre retteten. Trotz Krieg und Mobilmachung kamen von 1939 bis 1945 viele  Skifahrer nach Arosa. 1945 wurden die drei Lifte ergänzt durch den Hörnlilift, der damals mit 2700 Metern Länge und 23 Minuten Fahrzeit der längst Skilift der Schweiz war. Der Lift war so beliebt, dass die Leute bei der Talstation (die heute noch besteht) oft Wartezeiten von über einer Stunde in Kauf nehmen mussten.

Mit den vier langen Skiliften war Arosa nach dem Krieg, als sich die Leute nach Entspannung und Vergnügen sehnten, sehr gut ausgestattet. Zwar hatte die Hotellerie in den Krisenjahren und während des Kriegs gelitten. Und zwei frühere Sanatorien, die um 1930 zu Sporthotels umgebaut worden waren, wechselten wieder zurück in den Spitalmodus: Das Sporthotel Altein wurde vom Kanton Zürich gekauft und als Höhenklinik betrieben, das Waldhotel wurde von der Schweizer Armee übernommen und zum Militärspital umgebaut.  Doch die andern Hotels erlebten einen lang anhaltenden Aufschwung.

In den Jahren der Hochkonjunktur konnten sich immer mehr Menschen Ferien leisten. Bessere Löhne und bezahlte Ferien erlaubten der aufstrebenden Mittelklasse, für eine oder zwei Wochen zum Skifahren nach Arosa zu Reisen. Arosa positionierte sich als gehobener Familien-Ferienort. Nicht versnobt wie St. Moritz, keine Stadt wie Davos, kein seelenloses Resort vom Reissbrett, sondern ein gewachsener Ferienort mit allem, was das Herz begehrt. Zum Erfolg von Arosa wesentlich beigetragen hat in dieser Zeit die Skischule, die einen ausgezeichneten Ruf hatte.

Das allerbeste Jahr der Geschichte erlebten die Aroser Hotels 1977 mit 742 000 Übernachtungen. Seither mussten zahlreiche Hotels aufgegeben. Hotelferien waren plötzlich für viele Familien zu teuer, und die Zahl der Hotel-Logiernächte ging kontinuierlich zurück. Im Geschäftsjahr 2017/18 waren es noch 338 000, also weniger als halb so viel wie 40 Jahre zuvor. Dafür hat die Parahotellerie, also das Angebot von vermieteten Ferienwohnungen, stark zugenommen, von 224 000 Übernachtungen im Jahr 1963/64 auf 433 000 im Jahr 2017/18.

Um 1960 hatte das lokale Baugewerbe begonnen, in grossem Stil Mehrfamilienhäuser zu bauen und diese als Eigentumswohnungen zu verkaufen. Dieser Boom hielt bis 2016 an, als der Bau von Zweitwohnungen in der ganzen Schweiz eingeschränkt wurde. Gemäss eidgenössischem Gebäude- und Wohnungsregister hat Arosa, Stand 2019, 5824 Wohneinheiten. Davon werden 1524 als Erstwohnungen genutzt. 4300 sind Zweitwohnungen. Die Folge dieser Entwicklung ist, dass überall in Arosa (oft hässliche) Blocks stehen, in denen auch in der Hochsaison kein Licht brennt. Die Eigentümer haben die Wohnungen gekauft, um Geld zu parkieren, nicht um hier Ferien zu machen. Für die Gemeinde Arosa ist das ein Problem: Die Wohnungen verursachen Infrastrukturkosten, generieren aber in Arosa keinen Umsatz, da sie ja leer stehen.

Seit den 50er Jahren wurde eine Verbindung der Skigebiete von Arosa und Lenzerheide diskutiert. Nach jahrelangem Rechtsstreit setzten sich jene, die Neues wagen wollen, durch. Am 18. Januar 2014 wurde die Urdenbahn eröffnet, und Arosa kann seither damit werben, über 41 Bahnen und 225 Kilometer Piste zu verfügen. 

2003 gelang Arosa Tourismus ein Coup: Arosa führte als erster Ferienort der Schweiz im Sommer «all inclusive» ein. Das bedeutete, dass alle, die in einem Hotel oder in einer Ferienwohnung Kurtaxe bezahlten, gratis die Bergbahnen und zahlreiche weitere Angebote (Pedalo, Seilpark, Museum) benutzen konnten. Das brachte ein paar Sommer lang mehr Gäste nach Arosa. Doch schon bald verlor «all inclusive» an Zugkraft, weil andere Ferienorte die Idee kopierten.

Seit 2018 ist nun eine Linderung des Sommerproblems in Sicht. Während Jahren ist Tourismusdirektor Pascal Jenny belächelt worden, wenn er Unterstützung für seine Idee eines Bärenlandes suchte. Als der Plan dank Jennys Hartnäckigkeit dann im Sommer 2018 Realität wurde und ein riesiges Echo beim Publikum auslöste, verstummten die Kritiker. Im Arosa Bärenland, einem 28 000 Quadratmeter grossen Areal bei der Mittelstation der Weisshornbahn, fanden inzwischen drei Bären einem grossen natürlichen Lebensraum. Sie wurden von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten in Serbien und Albanien aus misslichen Verhältnissen befreit und nach Arosa gebracht, wo sie unter artgerechten Bedingungen den Lebensabend geniessen können. Die Idee funktioniert. Das Bärenland ist seit der Sommersaison 2018 das Publikumsmagnet für Arosa und zog in nur 4 Sommermonaten über 65‘000 Besucher an. Die Sommerlogiernächte und die Ersteintritte der Arosa Bergbahnen erreichten im Sommer 2019 ein Allzeithoch.

Der Bergsommer in Arosa

Autor
Ueli Haldimann
Zum Profil
Ueli Haldimann ist Journalist. Er hat ursprünglich Geschichte studiert und leitete später die Redation von "10vor10", "Sonntagszeitung" und "Rundschau". Von 2002 bis 2009 war er Chefredaktor und von 2009 bis 2010 Direktor des Schweizer Fernsehens. Haldimann ist Autor der Arosa-Bücher "Thomas Mann, Hermann Hesse und andere in Arosa" und von "100 Jahre Chur-Arosa-Bahn" beide AS-Verlag, Zürich.
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