12. Mai 2020

Selbst ist die Frau

Die Geschichte von Arosa ist eine Geschichte der Männer. Viel wurde über Dr. Otto Herwig geschrieben, aber kaum etwas über seine Schwester Marie Herwig. Dabei hat sie viel dazu beigetragen, dass aus dem Bauerndorf Arosa ein Kur- und Fremdenort wurde.
Selbst ist die Frau

Die Geschichte von Arosa ist eine Geschichte der Männer. Viel wurde über Dr. Otto Herwig geschrieben, aber kaum etwas über seine Schwester Marie Herwig. Dabei hat sie viel dazu beigetragen, dass aus dem Bauerndorf Arosa ein Kur- und Fremdenort wurde.

Nachdem Maries vier Jahre jüngerer Bruder und Arzt Otto Herwig einen Kuraufenthalt als Lungenkranker in Davos hinter sich hatte und 1883 auf einer Wanderung die Siedlung Arosa mit weniger als 100 Einwohnern entdeckte, folgte ihm seine 37-jährige Schwester 1885 nach. Weil ihm das Aroser Klima für die Heilung der Tuberkulose noch günstiger schien als Davos, beschlossen die beiden, in Arosa das erste Sanatorium zu bauen und gemeinsam zu führen. Zwischen 1889 und 1892 verkaufte aber Otto Herwig seinen Anteil für 55'000 Franken an seine Schwester. Er hatte Margarethe Hold, eine einheimische Bauerntochter, geheiratet und baute 200 Meter unterhalb des Sanatoriums «Berghilf» sein bestehendes bescheidenes Wohnhaus zum «Sanatorium Villa Dr. Herwig» aus.

Ganz anders Marie Herwig: Sie investierte kräftig und auf Kredit, ihr Sanatorium wurde immer grösser und eleganter. Von ihrem überlegten und zurückhaltenden Bruder Otto und seiner sparsamen und haushälterischen Frau wollte Marie Herwig in ihrem Vorwärtsdrang nicht gebremst werden, deshalb wohl die Trennung. Jetzt konnte Marie ihrem Betrieb den eigenen Stempel aufdrücken. Durchsetzungsvermögen hatte sie ja, sonst hätte sie nicht als Frau ein beachtliches Unternehmen aufgebaut, dieses lange Zeit erfolgreich geführt und ständig erweitert. In der Krise während und nach dem Ersten Weltkrieg aber wurde zur Belastung, dass sie ein so grosses Haus heizen und Ärzte entlöhnen musste sowie Betriebsdirektoren, von denen sie mehr als einmal hintergangen wurde. Dazu kam ihre Grosszügigkeit und der Zins für die Kredite. Das führte zum Konkurs des auf gegen 200 Betten ausgebauten Sanatoriums mit grosszügigen Räumlichkeiten für gesellschaftliche Anlässe. Die Bank hat es später als «Tschuggen Grand Hotel» neu eröffnet. Marie Herwig starb 1922 mit 74 Jahren, verarmt aber nie entmutigt.

© Privatarchiv Klaus Herwig
Autor
Hans Herwig
Zum Profil
Hans Herwig ist in Arosa geboren, kehrte nach ausgiebiger Lehr- und Wanderjahren frisch verheiratet nach Arosa zurück und war Gastwirt, Hotelier und Ferienwohnungsvermieter. Er engagierte sich im Vorstand des Kurvereins Arosa, in der Bündner Handelskammer, dem Wirtschaftsforum Graubünden, hatte Einsitz im Verwaltungsrat zweier Bergbahnen und war 16 Jahre Präsident des Hoteliervereins Arosa.
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