5. Juni 2020

«Leibwäsche alle fünf bis sechs Wochen»

Der Zahnarzt F. Walter Caviezel schrieb 1932 ein explizites Büchlein mit dem Titel «Arosa, seine hygienischen Verhältnisse vor dem Fremdenverkehr». Der folgende Auszug beschreibt den Alltag der alten Aroser mit verstörender Deftigkeit.
«Leibwäsche alle fünf bis sechs Wochen»

Der Zahnarzt F. Walter Caviezel schrieb 1932 ein explizites Büchlein mit dem Titel «Arosa, seine hygienischen Verhältnisse vor dem Fremdenverkehr». Der folgende Auszug beschreibt den Alltag der alten Aroser mit verstörender Deftigkeit. 

«Wie bei der Menstruation, so achteten die Frauen auch im Wochenbett strenge darauf, dass ihre Bett- und Leibwäsche nicht gewechselt wurde. Lieber liess man die von der Geburt mit Schweiss und Blut durchtränkten Hemden am Körper! Nach der Geburt wurde das Kind sofort gebadet, und viele konnten dann dieses Bad als ihr erstes und letztes in ihrem Leben bezeichnen. Der Säugling musste sich schon vom ersten Tage an an die einfachen, ärmlichen Wohnverhältnisse gewöhnen, denn auch die Alten legten am Abend ihr müdes Haupt nicht auf einem weichen Seidenkissen zur Ruhe. Die Betten waren ausschliesslich mit Riedgras (Rhiz. Caricis) versehen, das im Herbst immer wieder erneuert wurde. Dieses Gras wurde dann jeden Morgen wie das Heu auf den Wiesen gekehrt. Darüber lag das «Futtertuch». Dann gab es noch ein Leintuch und ein schweres, gutes Deckbett. Der Inhalt der Federbetten musste von Chur bezogen werden. Je nach der Reichhaltigkeit der Wäsche wurde oft oder weniger häufig das Bettzeug gewechselt, denn man muss wissen, dass die schmutzige Wäsche den ganzen Winter hindurch in einer Kiste oder auf dem «Spiecher» liegen blieb bis im Frühjahr. Meistens erfolgte das Wechseln der Bettwäsche, sowie auch der Leibwäsche alle fünf bis sechs Wochen. Die farbigen Hemden waren daher bevorzugt, weil man an ihnen den Schmutz weniger sehen konnte.

Hygiene-Hysterie konnte man den alten Arosern nicht vorwerfen: Georg Jenni (l.) und Georg Hold

Ähnliche Beiträge