16. Mai 2020

Freizügiges Arosa

Mit dem skandalös-schönen «herrliches Arosa»-Plakat von 1935 schuf Werbegrafiker Viktor Rutz nicht nur ein ikonografisches Werk von Weltruf, er provozierte mit der halbnackten Blonden auch zweimal grösste Aufregung.
Freizügiges Arosa

Mit dem skandalös-schönen «herrliches Arosa»-Plakat von 1935 schuf Werbegrafiker Viktor Rutz nicht nur ein ikonografisches Werk von Weltruf, er provozierte mit der halbnackten Blonden auch zweimal grösste Aufregung. Die Aroser Tourismusplakate warben bereits ab 1925 mit einer überraschend freizügigen Körperkultur. Hauptmotiv war die attraktive junge Frau, die sich in ihren Ferien vergnügt und dank schönen Erlebnissen glücklich ist. In der medienarmen Welt der 30er-Jahre fand «herrliches Arosa» sofort sein Publikum – und seine Kritiker. Frauenverbände und die SBB beklagten 1935 das unzüchtige, unmoralische Sujet an den Plakatwänden.

2006 wiederholte sich die Aufregung um das Plakat. Der damalige Tourismusdirektor Hans-Kaspar Schwarzenbach wollte den Deutschen sein All-inclusive-Angebot näherbringen. Er holte Rutz’ Blondine aus dem Archiv und liess 2400 Exemplare an den Fussball-WM- Austragungsorten Stuttgart und Dortmund plakatieren. Mit dem Zusatz «mit Gratis Bergbahnen». Wie 1935 provozierte das durchsichtige Bikinioberteil moralische Entrüstung. Die Kritikerinnen stiessen sich nicht in erster Linie an der freizügigen Darstellung, sondern an der sexistischen Botschaft, die die Blonde ausstrahle, indem sie sich offensichtlich dem Betrachter anbiete. Viktor Rutz erlebte auch noch die zweiten grosse Aufregung um sein Plakat. Der Schöpfer von «herrliches Arosa» starb 2008 95-jährig in Montreux.

© Arosa Tourismus
Autor
Peter Röthlisberger
Zum Profil
Er ist Mitbesitzer der Chefredaktion GmbH, Journalist und Historiker. Er gründete Blick am Abend und Blickamabend.ch und war rekordlange neun Jahre Chefredaktor im Blick-Newsroom, davor Inlandchef der Weltwoche und Programmleiter von TeleZüri. Er doziert an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich und moderiert gerne Podiumsdiskussionen.
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